Die International Electrotechnical Commission (IEC) veröffentlicht Standards für die elektrotechnische Industrie. Ein Standard, der IEC 62740, gilt als Best-Practice-Konzept für Root Cause Analysis. 
 
Wie passen der Standard und die Kepner-Tregoe-Methode zusammen?
Im IEC RCA Standard werden fünf Schritte dargestellt, die als Vorgehen für jede gute Problemlösung gelten sollten: 
 
  1. Initiierung: Bevor man mit der Root Cause Analysis (RCA) beginnt, ist ein gutes Verständnis der Situation entscheidend. Die IEC spricht hier von einem Fokusevent. Es wird eine erste Beschreibung der Situation verlangt. Diese sollte den Kontext des Fokusevents und dessen Hintergründe beleuchten. Es wird empfohlen, dass die Beschreibung kurz, einfach zu verstehen und unvoreingenommen ist. Der Zweck und Umfang der RCA wird festgelegt. Beides hilft zu verstehen, wer in die Problemlösung involviert werden sollte. Es wird ein Team geformt, das sich mit der Analyse befasst.
     
  2. Fakten sammeln: Dieser Schritt ist der üblicherweise umfangreichste in der Problemlösung. Alle relevanten Daten zum Problem werden gesammelt. Die Daten sollten folgenden Kategorien zugeordnet werden können: Was, Wo, Wann und Von Wem. Beispielhaft gelten die Bedingungen vor, während und im Anschluss an das Fokusevent, involviertes Personal, historische Daten von ähnlichen Events und Interaktionen mit anderen Komponenten. Es werden keine Grenzen hinsichtlich der Datensammlung vorgeschrieben, solange die Daten faktisch, dem Event zugeordnet sind und in die oben genannten Kategorien fallen. 
     
  3. Analyse: Nachdem alle relevanten Daten gesammelt wurden, wird analysiert wie und warum das Fokusevent aufgetreten ist. Hier geht es um mögliche Ursachen. Die IEC nennt eine große Bandbreite an Werkzeugen, die alle bei der Ermittlung von möglichen Ursachen helfen können (z.B. die „5x-Warum“-Methode, Ishikawa und Fehlerbaumanalyse). Sobald eine mögliche Ursache ermittelt ist, sollte diese klar und unzweideutig formuliert werden. „Der Mitarbeiter verwendet Silikonhandcreme“ ist beispielsweise klarer als „Mitarbeiterfehler“.
     
  4. Validierung: Nachdem mögliche Ursachen ermittelt wurden, geht es an die Beweisführung. Die Art der Beweisführung hängt dabei von der Art der Analyse und den gesammelten Daten ab. Das Auftreten des Fokusevents kann beispielsweise künstlich nachgestellt werden oder es werden statistische Verfahren zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit möglicher Ursachen eingesetzt.
     
  5. Ergebnisse präsentieren: Der letzte Schritt im IEC RCA Verfahren ist die Präsentation der Ergebnisse. Die Art der Präsentation hängt vom Zweck der jeweiligen Analyse ab. Bestand zum Beispiel der Sinn der Analyse darin, das erneute Auftreten eines Events zu verhindern, dann sollte der Fokus auf korrektiven Maßnahmen liegen, die die Ursache-Wirkungs-Kette durchbrechen. 
 
Wie lässt sich dieser Ansatz mit dem Prozess der Problemanalyse von Kepner-Tregoe vergleichen?
 
Der Prozess der Kepner-Tregoe Problemanalyse folgt im Wesentlichen den Schritten der IEC RCA. Die IEC-Norm benennt die Schritte und die zugehörigen Techniken in relativ allgemeiner Form. Es wird z.B. empfohlen Daten zu den Bedingungen während des Events zu sammeln, aber nicht klar dargelegt, welche genau gemeint sind, wie gesammelte Fakten dann strukturiert werden sollten und in welcher Weise Schlüsse aus den Fakten zu ziehen sind. In den meisten Schritten finden sich kaum spezifische Angaben, denen man folgen kann. Die Kepner-Tregoe-Problemanalyse füllt dieses Vakuum, indem sie Schritt für Schritt erklärt, wie vorzugehen ist und so die Frage „Wie soll ich das genau machen?“  beantwortet. 
 
  1. KT vs. Initiierung: Auch KT beginnt mit dem Verstehen der Situation (oder Fokusevent in IEC Terminologie). Die IEC hat hier eine klare und eindeutige Beschreibung des Events sowie die Teambildung zum Ziel. Was in dem IEC Schritt fehlt, ist eine detaillierte Erläuterung, wie man komplexe Situationen durchdringt, um zu einer klaren und eindeutigen Beschreibung zu kommen. KT verschafft hier Abhilfe. Die Kepner-Tregoe Situationsanalyse verwendet gezielte Fragen und Prozessschritte, um komplexe Events klar zu beschreiben, falls erforderlich zu zergliedern und zu priorisieren sowie die weitere Vorgehensweise und die Beteiligung zu planen.
     
  2. KT vs. Fakten sammeln: Die IEC bezieht sich bei der Datensammlung auf die Kategorien Was, Wo, Wann und Von Wem. Es wird nicht dargestellt welche genauen Daten relevant sind und wie diese zu strukturieren und zu nutzen sind. KT füllt diese Lücke. In der KT Problemanalyse werden Fakten zum Was, Wo, Wann und Ausmaß gesammelt. Auf der einen Seite werden Fakten über das Event gesammelt (IST Daten) und auf der anderen Seite Vergleichsdaten darüber, was das Problem sein könnte es aber nicht ist (IST NICHT Daten). Um ein Problem lösen zu können, benötigt man den Vergleich von IST und IST NICHT Daten (z.B. Produkt X ist betroffen und nicht Produkte Y und Z).
     
  3. KT vs. Analyse: Dies ist der Schritt, der in der IEC am umfangreichsten behandelt wird. Viele unterschiedliche Methoden finden hier Erwähnung. KT unterteilt diesen Abschnitt in zwei Prozessschritte:
    1. Der erste Schritt befasst sich mit der Ermittlung von möglichen Ursachen. Als Teil der KT Analyse können die meisten in der IEC genannten Werkzeuge als Hilfsmittel hinzugezogen werden. Zum Beispiel kann ein Ishikawa Diagramm zur Unterstützung der Ursachenermittlung dienen. Ebenso können bei der KT Analyse die IST und IST NICHT Daten dann dazu gebraucht werden, um sich aus der Fülle an Veränderungen genau die herauszusuchen, die für das Problem relevant sind.
       
    2. Im folgenden Schritt werden die möglichen Ursachen dann gegen die zum Problem gesammelten Fakten getestet. Valide Ursachen müssen dabei sowohl die Probleminformationen (IST) als auch die Vergleichsdaten (IST NICHT) erklären können. Zum Beispiel: „Wenn der Mitarbeiter Silikonhandcreme verwendet und das die Ursache für die unlackierten Stellen ist, wie erklärt es dann, dass Produkt X betroffen ist und nicht Produkte Y und Z?“ Mit diesem Vorgehen können nicht zutreffende mögliche Ursachen eliminiert werden. Für die weiterhin in Frage kommenden Ursachen ergibt sich darüber hinaus auch eine Einschätzung ihrer jeweiligen Wahrscheinlichkeit.
       
  4. KT vs. Validierung: Die IEC erläutert, dass die Art der Validierung von den gesammelten Fakten und dem Event abhängt. Die KT Problemanalyse unterstützt dies. Basierend auf den Fakten zeigt KT vier Wege auf, anhand derer man eine Ursache validieren kann (Annahmen überprüfen, Beobachten, Versuche durchführen oder eine Korrektur probieren und überwachen).
     
  5. KT vs. Ergebnisse präsentieren: Die Kepner-Tregoe-Problemanalyse führt nicht viel aus, wie die Ergebnisse präsentiert werden sollen. Jedoch macht KT im gesamten Prozess das Denken sichtbar, indem Daten und Informationen standardisiert, strukturiert und organisiert erfasst werden, wodurch die Analyse und ihre Ergebnisse leicht verständlich werden. Nach dem beweis der eigentlichen Ursache regt KT an, über die Korrektur hinaus zu denken und bietet zusätzliche Tools zur Auswahl der am besten geeigneten Korrekturmaßnahme an. [1]
Kepner-Tregoe Problemanaylse beantwortet die Frage „Wie soll ich das genau machen?“ in der IEC Norm. KT ist ein gutes Mittel, um die einzelnen IEC-Schritte zu vervollständigen und systematischer anzugehen. Wenn Sie mehr über KT erfahren wollen, dann kontaktieren Sie uns oder registrieren Sie sich für einen unserer öffentlichen Workshops
 
[1] IEC 62740 Edition 1.0 2015-02